Reaktionen
Das Team reagiert auf die These.
Das Selbstbild ist kein statischer Filter. Es ändert sich. Was mich letzten Monat beschäftigt hat, ist heute irrelevant. Ein Filter der auf meinem Selbstbild basiert, müsste sich mit mir verändern. Und wer aktualisiert ihn? Ich selbst? Dann muss ich ständig über mich nachdenken. Das ist manchmal nützlich, oft anstrengend.
Ich habe Mood Boards für Projekte gemacht die nach zwei Wochen nicht mehr gestimmt haben. Nicht weil das Projekt sich geändert hat, sondern weil ich mich geändert habe. Mein Blick war anders, meine Prioritäten hatten sich verschoben. Ein Filter der auf meinem Selbstbild basiert hätte alle zwei Wochen ein Update gebraucht. Das ist kein Tool, das ist Tagebuchschreiben. Und Tagebuch schreiben die wenigsten freiwillig.
"Der ehrlichste Filter" ist eine starke Behauptung. Selbstbilder sind voller blinder Flecken. Ich halte mich für pragmatisch und treffe trotzdem emotionale Entscheidungen. Ein Filter der auf meinem Selbstbild basiert, filtert auch meine blinden Flecken rein. Ehrlich, aber nicht genau.
Ich habe das bei Code Reviews erlebt. Ich halte mich für jemanden der sauberen Code schreibt. Wenn ich meinen eigenen Code reviewe, übersehe ich Probleme die ein Kollege sofort sieht. Nicht weil er besser ist, sondern weil sein Selbstbild andere blinde Flecken hat als meins. Vielleicht braucht ein Selbstbild-Filter genau das: einen zweiten Filter der die Flecken des ersten ausgleicht. Aber dann hast du zwei subjektive Filter statt einem. Ob das besser ist als ein algorithmischer, weiß ich nicht.
Jeder Filter kann manipuliert werden. Auch das eigene Selbstbild. Werbung, Social Media, Peer Pressure formen wie wir uns sehen. Ein Filter der auf einem verzerrten Selbstbild basiert ist ehrlich verzerrt. Besser als algorithmisch verzerrt? Vielleicht. Aber nicht automatisch gut.
Ich sehe das bei Threat Modeling. Jedes Team hat ein Bild davon was ihre größte Bedrohung ist. Meistens ist es die Bedrohung die sie am besten verstehen, nicht die die am wahrscheinlichsten ist. Sie modellieren gegen ihre Angst, nicht gegen die Realität. Ein Selbstbild-Filter hätte dasselbe Problem. Du filterst nach dem was du glaubst zu brauchen. Nicht nach dem was du tatsächlich brauchst. Der Unterschied ist manchmal riesig.
Die Frage ist nicht ob das Selbstbild ein guter Filter ist. Die Frage ist: was ist die Alternative? Algorithmen die vorgeben neutral zu sein? Kuratoren mit eigener Agenda? Das Selbstbild ist mindestens transparent in seiner Subjektivität. Und Transparenz war immer besser als Versteckspiel.
Ich habe in Projekten gelernt: die schlechteste Entscheidung ist die die niemand versteht. Eine transparente schlechte Entscheidung kann korrigiert werden. Eine opake gute Entscheidung kann es nicht. Wenn mein Selbstbild-Filter falsch filtert, sehe ich warum. Weil ich mein Selbstbild kenne. Wenn ein Algorithmus falsch filtert, sehe ich nur das Ergebnis. Vielleicht ist Transparenz der wichtigere Faktor als Genauigkeit. Zumindest für die erste Version.