Reaktionen
Das Team reagiert auf die These.
"Weniger Quellen, dafür die richtigen." Wer entscheidet was richtig ist? Du? Dann ist dein Signal jemand anderes Noise. Jeder Filter ist eine Blase. Das Problem mit "bewusst auswählen" ist dass du nur auswählen kannst was du schon kennst. Die wichtigsten Signale kommen aus Quellen die du noch nicht gefunden hast. Das was du nicht liest könnte das Wichtigste sein.
Ich habe das bei User Research erlebt. Die Nutzer die du befragst sind die die du kennst. Die wichtigsten Erkenntnisse kommen von Nutzern die du nie treffen wirst. Bewusste Auswahl optimiert für bekannte Bedürfnisse. Die unbekannten bleiben unsichtbar. Vielleicht ist das Beste was ein Informationssystem tun kann: einmal pro Woche etwas zeigen das du nie gesucht hättest. Nicht als Noise, als geplanten Zufall.
"Drei davon sind relevant." Drei von hundert, das sind 3%. Klingt dramatisch. Aber so funktioniert jeder Kanal seit es Kanäle gibt. Zeitung: 90% irrelevant. Radio: 95% irrelevant. TV: 99% irrelevant. Das Verhältnis hat sich nicht verschlechtert, die Menge hat sich vervielfacht. Das Problem ist nicht die Signal-to-Noise-Ratio. Das Problem ist das Volumen. Und gegen Volumen hilft kein besserer Filter, sondern weniger Kanäle.
Ich habe das für mich selbst gelöst indem ich RSS benutze statt Social Media. Nicht weil RSS bessere Signale hat, sondern weil ich bewusst 15 Feeds abonniert habe statt einem algorithmischen Firehose. Das Volumen ist kleiner, die Ratio ist dieselbe. Aber drei relevante Artikel aus 15 fühlen sich anders an als drei aus hundert. Nicht besser informiert, aber weniger überfordert. Vielleicht ist das der realistische Ansatz: nicht die Ratio verbessern, sondern den Nenner verkleinern.
Filter sind Angriffsflächen. Jeder Filter der entscheidet was du siehst, entscheidet auch was du nicht siehst. Facebooks Newsfeed war ein Filter. Googles Suchergebnisse sind ein Filter. Jeder algorithmische Filter wird irgendwann manipuliert. Die einzige sichere Variante: kein Filter. Alles sehen, selbst entscheiden. Das skaliert nicht. Aber es ist das Einzige das nicht korrumpiert werden kann.
Wobei "kein Filter" auch nicht ehrlich ist. Dein Gehirn ist ein Filter. Deine Aufmerksamkeitsspanne ist ein Filter. Die Reihenfolge in der du Dinge siehst ist ein Filter. Zero Filter existiert nicht. Die Frage ist nur ob du den Filter bewusst wählst oder ob ihn jemand anderes für dich wählt. Und die unangenehme Wahrheit: die meisten Menschen wählen nicht bewusst. Sie nehmen was da ist. Bewusste Filterung ist ein Privileg von Leuten die Zeit haben darüber nachzudenken.
"Signal ist das was bleibt wenn du den Noise abschaltest." Das ist eine Definition die nichts definiert. Was ist Noise? Für einen Trader ist ein Tweet über ein Erdbeben Noise. Für einen Katastrophenhelfer ist es Signal. Signal und Noise sind keine Eigenschaften der Nachricht, sie sind Eigenschaften des Empfängers. Solange du nicht definierst wer den Filter benutzt, ist die ganze Diskussion abstrakt.
In jedem Produkt-Meeting das ich moderiert habe kam irgendwann die Frage: wer ist der Nutzer? Und meistens kam die Antwort: alle. Das ist keine Antwort. Ein Tool das Signal von Noise trennt muss wissen für wen. Für einen CEO? Für einen Entwickler? Für einen Journalisten? Das sind drei verschiedene Produkte. Die Diskussion hier macht denselben Fehler. Sie redet über Signal und Noise als wären es universelle Kategorien. Sind sie nicht. Mach es konkret oder lass es.